Der Untergang beginnt, wenn niemand mehr an morgen denkt

Wir haben etwas verloren. Etwas, das für den Aufstieg von Unternehmen, Volkswirtschaften und ganzen Zivilisationen entscheidend war: die Fähigkeit und den Willen, langfristig zu denken.

Nicht bis zum nächsten Quartal. Nicht bis zur nächsten Wahl. Nicht bis zum nächsten Geschäftsbericht.

Sondern über Jahrzehnte.

Früher wurden Kathedralen begonnen, obwohl die Menschen, die den ersten Stein setzten, wussten, dass sie die Fertigstellung niemals erleben würden. Eisenbahnnetze, Kraftwerke, Universitäten und Unternehmen entstanden aus einer Idee, deren Nutzen oft erst die nächste Generation vollständig erleben konnte.

Heute?

Heute muss sich möglichst alles innerhalb einer Legislaturperiode, eines Haushaltsjahres oder spätestens innerhalb der nächsten drei Jahre rechnen. Das ist keine Strategie. Das ist organisierte Kurzsichtigkeit, organisierter Niedergang unser Gesellschaft.

Wer nur vier Jahre vorausdenkt, kann kein Land führen

Politik funktioniert zunehmend nach einem simplen Prinzip: Was bringt mir heute Zustimmung, was kostet mich heute Zustimmung und was passiert vor der nächsten Wahl?

Die entscheidende Frage müsste jedoch lauten:

Was muss Deutschland heute tun, damit dieses Land 2040, 2050 und 2070 wettbewerbsfähig ist?

Welche Energieversorgung brauchen wir? Welche Infrastruktur? Welche Schulen? Welche Industrie? Welche Pflege? Welche Altersversorgung? Welche Fähigkeiten müssen unsere Kinder besitzen?

Und vor allem: Was müssen wir heute investieren, obwohl der Erfolg vielleicht erst sichtbar wird, wenn die Verantwortlichen längst nicht mehr im Amt sind? Genau daran scheitert langfristiges Denken. Denn langfristige Strategie verlangt etwas, das selten geworden ist: Demut. Ich muss bereit sein, Entscheidungen zu treffen, deren Lorbeeren möglicherweise ein anderer erntet.

Besonders verwerflich ist es, dass Berufspolitiker ohne Expertise nur noch in Legislaturperioden denken. Ohne Verantwortung, ohne echtes Können und ohne den Willen zur Langfristigkeit.

Auch Unternehmen haben Strategie verlernt

Das Problem sitzt nicht nur in Berlin oder Brüssel. Auch viele Unternehmen haben strategisches Denken gegen kurzfristige Ergebnisoptimierung eingetauscht. Früher war eine klassische Unternehmerfrage: Wo soll dieses Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren stehen?

Danach kam die wichtigere Frage: Was müssen wir heute dafür tun?

Eine der Ursachen dafür ist, dass aus Unternehmern oft reine Manager geworden sind. Die wirklichen Unternehmer, Herr Oettker, Herr Liebherr, Herr Benz, Herr Leibinger sen., gibt es nicht mehr! DAs waren echte Unternehmer, die Unternehmen geschaffen haben, die Generationen überstehen sollten. Sie haben an Ihre Kinder und Kindeskinder gedacht. Sie wollten ein Imperium schaffen. Heute sitzen an diesen Stellen nicht selten überteuerte Manager, die kein persönliches Interesse an dem Unternehmen haben, für das Sie arbeiten. Für diese Manager zählen nur und ausschließlich die Aktienkurse und die auszuzahlenden Dividenden (Beispiel: VW, Mercedes, Trumpf etc.). Das ist und bleibt für Unternehmen und damit für die Gesellschaft tödlich! Die Krise unseres Landes war langfristige absehbar, keine Überraschung. Von all diesen Managern hat man in den letzten 15 Jahren kein Wort dazu gehört. Im Gegenteil, sie haben das Lied der Politik gesungen und werden damit in Deutschland untergehen. Ich betone, nur in Deutschland, im Rest der Welt verdienen die Konzerne weiter Geld.

Heute werden fünf Jahre bereits als kaum überschaubar bezeichnet. Drei Jahre gelten als strategisch. Zwölf Monate werden geplant. Drei Monate werden gesteuert. Und dann wundert man sich, dass permanent Feuer gelöscht wird. Wer immer nur reagiert, hat irgendwann keine Zeit mehr zu agieren. Strategie bedeutet gerade nicht, die Zukunft exakt vorherzusagen. Das kann niemand.

Strategie bedeutet, eine Vorstellung davon zu haben, wohin man will, robuste Strukturen aufzubauen und heutige Entscheidungen konsequent an einem langfristigen Ziel auszurichten.

Ohne Ziel wird jede operative Hektik irgendwann zur Selbstbeschäftigung.

Die Pflege zeigt das Problem wie unter einem Brennglas

Kaum ein Bereich demonstriert diese Kurzfristigkeit deutlicher als die Pflege. Seit Jahren wissen wir, was kommt. Die Bevölkerung altert. Der Personalbedarf steigt. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte sinkt. Kosten steigen. Bürokratie bindet Arbeitszeit. Einrichtungen geraten wirtschaftlich unter Druck. Überraschend ist daran praktisch nichts. Und trotzdem reagieren wir immer wieder, als sei die Entwicklung gestern Morgen plötzlich vom Himmel gefallen. Neue Regelung. Neue Kommission. Neues Förderprogramm. Neue Dokumentationspflicht. Neue Personalvorgabe. Neue Reform. Und wenige Jahre später die Reform der Reform. Das ist keine Pflegepolitik. Das ist institutionalisiertes Reagieren. Wir haben ein System mit hohen Qualitäts- und Sicherheitsansprüchen aufgebaut und stellen anschließend fest, dass wir uns die von uns selbst geschaffenen Strukturen kaum noch leisten können. Jetzt wird zurückgebaut. Nicht aufgrund einer langfristigen Strategie, sondern weil das Geld knapp wird. Auch das neue PNOG ist wieder ein Paradebeispiel für das Grauen, was Pflegepolitik in unserem Land darstellt.

Aber bitte nicht immer nur auf „den Staat“ zeigen

Das wäre zu einfach. Auch Unternehmen, Verbände und gemeinnützige Träger müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Wir haben teilweise Organisationen geschaffen, deren Overhead beeindruckender wächst als ihre Wertschöpfung. Immer mehr Verwaltung. Immer mehr Stabsstellen. Immer mehr Koordination. Immer mehr Schnittstellen. Immer mehr Menschen organisieren Menschen, die wiederum andere Menschen organisieren. Und ganz unten steht irgendwann die Pflegekraft beim Bewohner und fragt sich zu Recht:

Wer arbeitet hier eigentlich noch am eigentlichen Produkt?

Lean würde die Frage einfacher stellen:

Was davon schafft tatsächlich Wert für den Kunden?

Alles andere muss sich rechtfertigen. Nicht umgekehrt.

Ein Staat kann ebenfalls zu viel Overhead produzieren

Deutschland bewegt sich seit Jahren mit einer sehr hohen Staatsquote (2027 werden es ca. 52% sein!!!). Gleichzeitig fehlen Milliarden für Infrastruktur, Digitalisierung, Verteidigung, Bildung und Pflege. Das sollte uns zumindest nachdenklich machen. Denn entscheidend ist nicht nur, wie viel Geld ein Staat einnimmt. Entscheidend ist, was er daraus macht.

Wenn immer größere Teile der Wirtschaftsleistung durch staatliche Systeme laufen, während gleichzeitig Brücken verfallen, Bahnstrecken überlastet sind, Genehmigungen Jahre dauern und Unternehmen über Bürokratie klagen, haben wir kein Einnahmeproblem allein. Wir haben ein Produktivitätsproblem des Systems. Ein Staat kann genauso wie ein Unternehmen fett werden. Und irgendwann beschäftigt er sich überwiegend mit sich selbst.

Europa braucht Strategie statt Verordnungsromantik

Auch auf europäischer Ebene zeigt sich der Widerspruch. Wir definieren ambitionierte Ziele, ohne die Voraussetzungen konsequent mitzudenken. Elektromobilität ist dafür ein schönes Beispiel. Man kann politisch fordern, dass Unternehmen ihre Flotten elektrifizieren. Auch Pflegedienste. Aber dann müssen Energieversorgung, Netze, Ladeinfrastruktur, Fahrzeuge und Wirtschaftlichkeit dazu passen. Ein ambulanter Pflegedienst kann seine Touren nicht nach politischer Symbolik organisieren. Seine Autos müssen morgens fahren. Punkt.

Wer Elektrifizierung fordert, muss deshalb gleichzeitig beantworten, wo langfristig große Mengen verlässlicher und international wettbewerbsfähiger Energie herkommen sollen. Die zur Zeit bis zu 0,40€/kWh für Strom sind völlig irre und haben nichts mit langfristiger und vor allem intelligenter Energiepolitik zu tun. Energiepolitik ist Industriepolitik. Industriepolitik ist Wohlstandspolitik. Und Wohlstandspolitik ist am Ende auch Sozialpolitik. Diese Zusammenhänge lassen sich nicht dauerhaft wegmoderieren.

Wohlstand entsteht nicht durch Umverteilung

Wir diskutieren erstaunlich häufig darüber, wie vorhandener Wohlstand verteilt werden soll. Viel zu selten diskutieren wir darüber, wie neuer Wohlstand entsteht. Wohlstand entsteht durch Produktivität. Durch Arbeit. Durch Kapital. Durch Innovation. Durch Unternehmertum. Durch Bildung. Durch Energie. Durch Mut. Und vor allem durch Investitionen, deren Ertrag manchmal erst Jahrzehnte später sichtbar wird. Ein Land, das seine wirtschaftliche Substanz konsumiert, kann lange wohlhabend aussehen. So wie ein Unternehmen lange liquide wirken kann, während es seine Maschinen nicht mehr wartet. Irgendwann kommt die Rechnung.

Kurzfristigkeit ist letztlich Egoismus

Vielleicht liegt genau hier der Kern des Problems. Langfristiges Denken verlangt, dass ich etwas für Menschen tue, die ich möglicherweise niemals kennenlernen werde. Ich pflanze einen Baum, unter dem ein anderer sitzen wird. Ich saniere eine Infrastruktur, die meine Kinder nutzen. Ich baue ein Unternehmen auf, das nach mir bestehen soll. Ich reformiere ein Pflegesystem, obwohl die Wirkung möglicherweise erst zehn Jahre später vollständig sichtbar wird. Das Gegenteil davon ist:

Was habe ich heute davon?

Diese Haltung hat sich tief in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hineingefressen. Jeder optimiert seinen kleinen Ausschnitt. Ministerien ihre Budgets. Politiker ihre Wahlchancen. Manager ihre Kennzahlen. Organisationen ihre Strukturen. Unternehmen ihre Rendite. Bürger ihre Ansprüche.

Und anschließend wundern wir uns, dass das Gesamtsystem nicht mehr funktioniert.

Wir brauchen wieder einen Horizont

Deutschland braucht keine weitere Strategie mit 187 Seiten, Hochglanzdeckblatt und 34 Arbeitsgruppen. Wir brauchen wieder eine einfache Fähigkeit: vom Ende her zu denken.

Wie soll Deutschland 2050 aussehen? Wie soll unsere Pflege 2040 funktionieren? Woher kommt unsere Energie? Welche Industrie wollen wir noch haben? Wie finanzieren wir unseren Sozialstaat? Welche Infrastruktur brauchen wir? Was müssen unsere Kinder können?

Und danach kommt die entscheidende Frage:

Was müssen wir Montagmorgen anders machen, damit wir dort ankommen? Das ist Strategie. Strategie ist nicht PowerPoint. Strategie ist die Verbindung zwischen einer langfristigen Vorstellung und einer heutigen Entscheidung. Und genau deshalb beginnt Führung nicht beim nächsten Quartal. Führung beginnt dort, wo jemand bereit ist, Verantwortung für eine Zukunft zu übernehmen, die weit über seine eigene Amtszeit, Vertragslaufzeit oder Lebenszeit hinausgeht. Wir brauchen wieder Unternehmer, Politiker und Führungskräfte, die Bäume pflanzen, obwohl sie wissen, dass andere darunter sitzen werden. Denn eine Gesellschaft, die nur noch erntet und nicht mehr pflanzt, lebt irgendwann von ihrer Substanz. Und wenn die aufgebraucht ist, hilft keine Reform mehr.

Dann ist es zu spät.

Mein Fazit: Der Untergang hat bereits wenige Jahre nach dem Krieg begonnen. Da wo aus Machern Berufspolitiker worden. Da wo wir es zugelassen haben, das Politik zum Selbstzweck wurde. Da wo wir als Souverän die Verantwortung durch falsche Regeln abgegeben haben