Du betrachtest gerade Pflege in der Refinanzierungsfalle – wenn Zeit Geld frisst und Einrichtungen verschwinden

Pflege in der Refinanzierungsfalle – wenn Zeit Geld frisst und Einrichtungen verschwinden

Die Krise der Pflege beginnt nicht erst am Bett. Sie beginnt auf dem Konto. Während öffentlich über Fachkräftemangel, Akademisierung und Digitalisierung diskutiert wird, kämpfen viele Einrichtungen mit einem deutlich nüchterneren Problem: Das Geld kommt zu spät und nicht selten nicht kostendeckend.

Pflegekassen prüfen, Sozialhilfeträger rechnen, Investitionskosten werden verzögert anerkannt. In der Zwischenzeit laufen Gehälter, Energieabschläge, Lebensmittelrechnungen, Leasingraten und Kreditzinsen weiter. Pflege ist Vorleistung. Und Vorleistung ohne verlässliche Refinanzierung wird zur Falle.

In den vergangenen zwei Jahren hat Deutschland eine historische Insolvenzwelle in der stationären Pflege erlebt. Viele dieser Häuser waren nicht schlecht geführt. Sie hatten stabile Belegungen, engagierte Teams und gewachsene Strukturen. Was ihnen fehlte, war Liquidität. Und Liquidität entsteht nur, wenn Einnahmen zeitgleich mit Ausgaben fließen und Unternehmen Rücklagen bilden können. Genau das ist im derzeitigen System nicht gewährleistet. Ein adäquater Unternehmerlohn wird nach wie vor nicht akzeptiert.

Beispiel aus der Praxis: Die Seniorenzentren Recklinghausen warten seit November 2025 vergeblich auf neue Pflegesätze. Nahezu 4 Monate über der Frist! Noch nicht einmal eine Reaktion seitens der Pflegekassen gibt es. Nichts! Das dürften die nicht, sie machen es aber und zwar ohne jede Konsequenz!

Die Refinanzierungsfalle entsteht aus einem strukturellen Dreiklang. Pflegekassen verhandeln Entgelte oft mit erheblicher zeitlicher Verzögerung. Sozialhilfeträger prüfen Anträge detailliert und zahlen ebenfalls zeitversetzt, bis zu 12 Monate. Gleichzeitig werden Investitionskosten politisch begrenzt oder nicht dynamisch angepasst. Währenddessen steigen Tariflöhne, Energiepreise, Baukosten und Zinsen. Einrichtungen müssen diese Kosten sofort tragen, dürfen ihre Erlöse aber nicht eigenständig anpassen. Das ist kein Markt im klassischen Sinne. Es ist ein reguliertes System mit unternehmerischer Verantwortung jedoch ohne unternehmerische Freiheit auf der Einnahmenseite.

Karl Lauterbach sagte einmal: „Wir dürfen die Pflege nicht dem Markt überlassen.“ Dieser Satz klingt beruhigend, doch er beschreibt zugleich das Dilemma. Pflege ist längst Teil eines Marktes nur ohne dessen Geschwindigkeit. Wer Preise nicht selbst gestalten darf, ist vollständig abhängig von staatlichen und halb-staatlichen Zahlungsstrukturen. Und wenn diese Strukturen langsam reagieren, entsteht ein finanzieller Engpass, der sich nicht wegmoderieren lässt.

Kurz, wir reden hier von klassischer Planwirtschaft! Den Markt Pflege gibt es schon seit 1995 nicht mehr!

Besonders brisant ist die Situation bei den Investitionskosten. Formal sind die Bundesländer für die Investitionsförderung zuständig. In der Praxis reicht die Förderung vielerorts nicht aus, um Neubauten, energetische Sanierungen oder Modernisierungen solide zu finanzieren. Betreiber gehen in Vorleistung, nehmen Kredite auf, tragen steigende Zinsen und hoffen auf Anerkennung der Kosten. Werden diese gedeckelt oder zeitlich verzögert refinanziert, entsteht ein strukturelles Defizit. Christian Lindner formulierte den betriebswirtschaftlichen Kern treffend: „Man kann auf Dauer nicht mehr ausgeben, als man einnimmt.“ Genau das wird jedoch vielen Pflegeeinrichtungen faktisch abverlangt.

Kurz: Pflegebetreiber werden als Banken für die Sozialkassen missbraucht!

Hinzu kommt eine Bürokratie, die immer komplexer wird. Dokumentationspflichten, Prüfverfahren, Nachweisstrukturen und regulatorische Detailvorgaben binden Ressourcen. Angela Merkel sagte einmal: „Politik ist die Kunst des Möglichen.“ In der Pflege wird aus dieser Kunst jedoch häufig die Kunst der Verzögerung. Während auf politischer Ebene Kompromisse gesucht werden, tickt in den Einrichtungen die monatliche Liquiditätsuhr. Jede verspätete Vergütungsanpassung, jeder verzögerte Sozialhilfebescheid verschärft die Situation.

Die Folgen sind konkret. Einrichtungen geraten in Zahlungsstockungen, Kredite werden teurer, Banken reagieren zurückhaltender (Risikokapital), Träger reduzieren Investitionen. In ländlichen Regionen bedeutet jede Schließung eine echte Versorgungslücke. Angehörige finden keinen Platz mehr in Wohnortnähe. Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz oder wechseln in andere Branchen. Was bleibt, sind größere Ketten mit stärkerer Kapitaldecke oder Regionen mit Unterversorgung.

Olaf Scholz sprach vom „Respekt vor der Lebensleistung“. Ja, dass war sein Lieblingswort, Respekt :-).

Respekt gegenüber Pflegebedürftigen und ihren Familien bedeutet jedoch vor allem und in erster Linie, stabile Strukturen zu sichern. Wenn Einrichtungen aus finanziellen Gründen schließen, obwohl die Nachfrage hoch ist, liegt kein Marktversagen vor, sondern ein Systemversagen. Es ist keine Qualitätskrise. Es ist eine Refinanzierungskrise.

Information aus dem Markt: Es werden kaum noch neue Pflegeeinrichtungen gebaut und das hat seinen guten Grund!

Die unbequeme Wahrheit lautet: Pflege ist systemrelevant, aber finanziell strukturell unterfinanziert und administrativ ausgebremst. Solange Tarifsteigerungen nicht automatisch und zeitgleich refinanziert werden, solange Sozialhilfeträger keine verbindlichen Zahlungsfristen haben und solange Investitionskosten nicht dynamisch an Bau- und Zinsentwicklungen angepasst werden, wird sich die Insolvenzwelle fortsetzen.

Nicht der Fachkräftemangel ist das erste Problem. Es ist der Liquiditätsmangel. Personal gewinnt man nur in stabilen Strukturen. Wer jedoch jeden Monat um Zahlungsflüsse kämpfen muss, kann keine strategische Personalentwicklung betreiben. Planbarkeit entsteht nicht durch politische Absichtserklärungen, sondern durch verlässliche Zahlungsmechanismen.

Information aus dem Markt: Die ViVa Pflege GmbH wartet seit dem 01.01.2026 auf neue Punktwerte für ihre ambulante Pflege in Steinheim. Nichts passiert. Nahezu 6 Wochen über Frist kommt ein Standardangebot für alle gleich, obwohl der Pflegedienst deutlich über dem regionalüblichen Entgeld zahlt! Das wird vollständig ignoriert!

Pflege braucht keine weiteren wohlklingenden Reformbegriffe und wohlfeile Reden von inkompetenten Entscheidern. Sie braucht Geschwindigkeit in der Refinanzierung, rechtssichere Zahlungsfristen und eine ehrliche Investitionslogik. Andernfalls wird aus Systemrelevanz schleichend Systemerosion. Und diese Entwicklung ist nicht dramatisch laut sie ist betriebswirtschaftlich leise. Doch genau darin liegt ihre Gefahr.

Fazit:

Die Pflege steckt nicht in einer Qualitätskrise, sondern in einer strukturellen Refinanzierungskrise. Solange Zahlungen verzögert, Investitionskosten gedeckelt und Tarifsteigerungen nicht zeitgleich ausgeglichen werden, bleiben Insolvenzen betriebswirtschaftlich vorprogrammiert. Wer Versorgungssicherheit ernst meint, muss Liquidität, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit endlich zur Priorität machen.