Stellen Sie sich vor: Deutschland steht unter Wasser. Der Wasserhahn ist kaputt, das Rohr undicht, die Elektrik fällt aus. Kein Problem: Wir analysieren, forschen, präsentieren und gründen einen Arbeitskreis oder besser eine Kommision.
Nur jemanden, der es repariert oder tatsächlich umsetzt, finden wir nicht!
Willkommen in Deutschland 2026: Bildung galt jahrzehntelang vor allem dann als wertvoll, wenn sie mit Abitur, Studium und Titel verbunden war. Wer eine Ausbildung machte, galt schnell als jemand, der es nicht weiter geschafft hatte.
Was für eine Arroganz. Heute bekommen wir die Rechnung, zurecht!
2,86 Millionen Studenten – aber nur 346.000 Auszubildende im Handwerk!
Im Wintersemester 2025/2026 waren 2.864.160 Studenten eingeschrieben. Ende 2025 gab es nur 346.388 Auszubildende im Handwerk. Insgesamt absolvierten rund 1,21 Millionen Menschen eine duale Ausbildung.
Auf einen Auszubildenden im Handwerk kommen damit mehr als acht Studenten. Dabei bleiben in 2026 20.000 Ausbildungsstellen im Handwerk unbesetzt. Ach und bitte verwechseln sie freie Stellen nicht mit dem Bedarf für unser Land, der dürfte ein vielfaches davon betragen.
Natürlich brauchen wir Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler. Jedoch wer baut Häuser, installiert Wärmepumpen, repariert Heizungen und hält Strom, Wasser und Infrastruktur am Laufen?
Bestimmt nicht der nächste Arbeitskreis.
Handwerk? Das war doch etwas für die Dummen!
Über Jahrzehnte galt Abitur als Normalfall, eine handwerkliche Ausbildung als zweite Wahl.
„Du kannst doch mehr aus deinem Leben machen!“
Diesen Satz hörten junge Menschen, die Elektriker, Tischler, Maurer oder Anlagenmechaniker werden wollten. Die Botschaft: Wer mit den Händen arbeitet, ist weniger wert als jemand am Schreibtisch.
Dabei braucht ein guter Handwerker technisches Verständnis, Präzision, Verantwortung und praktische Problemlösung. „Mit Hände Arbeit wird man nicht reich“ dieser Satz sitzt tief.
Historisch war das anders: Handwerker und Kaufleute gehörten in vielen Gesellschaften zu den angesehenen Ständen. Akademiker waren zahlenmäßig noch nicht prägend, und der Wohlstand eines Volkes beruhte wesentlich auf einem starken Handwerk, das wuchs, ausbildete und konkrete Werte schuf. Diese besondere Anerkennung des Handwerks müssen wir wiedererlangen.
Noch 1990 sah die Welt noch etwas anders aus, auch wenn sich da diese, unsere, Einstellung gegenüber dem Handwerk breits deutlich machte.

Wir haben akademische Abschlüsse zu Statussymbolen gemacht und gleichzeitig diejenigen herabgewürdigt, die unser Land am Laufen halten.
Jetzt wundern wir uns über den Fachkräftemangel.
Generation Z erbt unsere Überheblichkeit
Gern schieben wir die Verantwortung auf die Generation Z. Die Jungen wollten angeblich nur Freizeit, Homeoffice und Selbstverwirklichung.
Aber wer hat ihnen beigebracht, dass körperliche Arbeit weniger wert ist? Wer hat das Studium überhöht und Schulen auf möglichst viele Abiturienten ausgerichtet? Wer hat kommuniziert, dass Abitur der Standard und alles andere weniger ist?
Wir! Wir waren das! Sie, ich und damit jeder, der älter als Generation Z ist.
Die Generation Z hat diese Maßstäbe nicht erfunden. Die Generation Alpha erbt nun ein Land, in dem einfache Reparaturen zum unmöglichen Glücksfall werden: ein tropfender Wasserhahn, eine defekte Steckdose, ein Handwerker auf dem Land einem fünfer im Lotto gleichen.
Natürlich gibt es engagierte Betriebe und junge Menschen, die bewusst eine Ausbildung wählen. Doch der Kern bleibt:
Wir haben jahrzehntelang die falschen Signale gesetzt und damit einen Mangel geschaffen, der uns jetzt in jedem Sinn teuer zu stehen kommt. Das betrifft jeden Handwerksbetrieb bis zu Pflege gleichermaßen.
Kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem!
Deutschland analysiert hervorragend. Wir erstellen Gutachten, Strategien und Konzepte – und gründen Gremien, um sie zu diskutieren.
Das zeigt auch die aktuelle Pflege- Renten- und Steuerreform. Wieder berät z.B. eine Kommission über die Zukunft der Pflege. Doch offenbar sitzt dort kein einziger Praktiker aus der Pflege niemand, der täglich auf Station, im Pflegeheim oder im ambulanten Dienst erlebt, woran das System scheitert.
Natürlich braucht es wissenschaftliche Expertise. Aber Reformen ohne die Menschen zu planen, die sie umsetzen, produziert vor allem Papier.
So reformiert man keine Pflege, gestaltet kein Land und löst keine Probleme.
Nur beim Machen versagen wir zunehmend.
Was nützt die Energiewende, wenn niemand Wärmepumpen installiert? Was bringt Wohnungsbau ohne Maurer, Dachdecker und Elektriker? Was nützt Digitalisierung, wenn Leitungen nicht verlegt und Anlagen nicht gewartet werden? Und was bringt eine Pflegereform ohne Pflegekräfte am Tisch? Was nutzten uns Menschen, die vom Kreissaal, zum Hörsaal, zum Plenarsaal durchlaufen, ohne praktische Berufserfahrungen oder im schlimmsten Fall, ohne Beruf.
Eine PowerPoint-Präsentation repariert keine Heizung. Ein Bachelorabschluss baut kein Haus. Eine Doktorarbeit behebt keinen Rohrbruch. Eine Kommission ohne Pflegepraktiker verbessert keine Pflege.
Das ist keine Geringschätzung akademischer Bildung. Es ist die Erinnerung daran: Wissen bekommt durch Handeln gesellschaftlichen Wert oder wie ich in unserem Neuen Buch „Raus aus der Generationenfalle“ schreiben:

Handwerk ist keine zweite Wahl!
Eine handwerkliche Ausbildung eröffnet Spezialisierung, Meistertitel, Unternehmensgründung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Gute Handwerker übernehmen Verantwortung, beschäftigen Mitarbeiter und schaffen echte Werte.
Und ich bin überzeugt: Die Handwerker werden die Millionäre der Zukunft sein.
Nicht, weil jeder Handwerker automatisch reich wird. Sondern weil das, was knapp ist, wertvoll wird. Wenn es irgendwann nur noch Akademiker gibt und niemand mehr etwas praktisch macht, dann wird das Handwerk wieder mit Gold aufgewogen. Wer dann Häuser baut, Leitungen verlegt, Maschinen repariert, Energieanlagen installiert oder Betriebe am Laufen hält, wird nicht um Arbeit bitten müssen. Die Arbeit wird um diese Menschen kämpfen.
Warum erzählen wir unseren Kindern so selten davon?
Wir brauchen nicht weniger kluge Menschen, sondern ein anderes Verständnis von Klugheit. Intelligenz zeigt sich auch darin, technische Probleme zu lösen und Dinge zuverlässig zum Funktionieren zu bringen.
Generation Z braucht Vorbilder, keine Überheblichkeit
Wer junge Menschen für das Handwerk gewinnen will, braucht mehr als Werbekampagnen und Sonntagsreden. Familien, Schulen, Unternehmen und Politik müssen ihre Haltung ändern.
Eine Ausbildung verdient dieselbe Anerkennung wie ein Studium. Dazu gehören faire Bezahlung, gute Führung und echte Entwicklungschancen. Wertschätzung darf nicht beim Applaus enden.
Nicht jeder muss studieren. Nicht jeder sollte studieren. Ein Studium macht niemanden automatisch besser geeignet, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen.
Deutschland muss wieder anpacken!
Wir reden über Transformation, Innovation und Fortschritt, während Menschen fehlen, die all das umsetzen.
Wir brauchen keine weiteren Erklärer, sondern Menschen, die Verantwortung übernehmen, anpacken und Ergebnisse schaffen.
Das Handwerk ist keine Notlösung, sondern Grundlage unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und gesellschaftlichen Unabhängigkeit.
Ein Land, das seine Probleme beschreiben, aber nicht mehr selbst beheben kann, hat ein gewaltiges Problem.
Vielleicht sollten wir Kinder deshalb nicht mehr fragen: „Warum willst du nur eine Ausbildung machen?“
Sondern: „Was möchtest du können, gestalten und bewegen?“
Deutschland wird nicht daran gemessen, wie viele akademische Titel es vergibt, sondern ob es sich selbst am Laufen halten kann.
Wir brauchen nicht nur Menschen, die wissen, wie es geht. Wir brauchen Menschen, die es machen!
David Thiele – ThieleBeratung
www.thieleberatung.de